Autor: Marc Schoentgen




kleiner Auszug aus dem 68seiten umfassenden historisch wertvollen Artikel „Die jüdische Gemeinschaft in Medernach – Einwanderung, Integration und Verfolgung“ beschreibt der Historiker Marc Schoentgen das Schicksal der Luxemburger Juden am Beispiel der verschiedenen jüdischen Familien in Medernach. 
 
Die Medernacher 1882 von der jüdischen Gemeinde erworbene “Synagoge” 


Die jüdische Gemeinde in Medernach
Einwanderung, Integration und Verfolgung

Juden in Luxemburg

In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten nur wenige Juden in Luxemburg. 1818 zählte man etwa 33 Familien, von denen die meisten in Luxemburg-Stadt wohnten und arbeiteten. Auf dem flachen Land waren die Juden eine absolute Minderheit, so lebten lediglich 4 Familien im Bezirk Diekirch, davon 2 in Ettelbrück.

In den folgenden Jahren verzeichnete die jüdische Gemeinschaft aber einen raschen Zuwachs durch Einwanderung aus den Nachbarländern. Es handelte sich vor allem um deutschsprachige Juden, die sich mit ihren Familien im Großherzogtum niederließen, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen.

Gründe für die jüdische Einwanderung waren die günstige Lage des Landes in der Großregion, die Zweisprachigkeit und die Toleranz gegenüber den „Israeliten“, wie man die Juden im 19. Jahrhundert bezeichnete. Die liberale Verfassung des Jahres 1848 garantierte allen Bürgern des Landes die gleichen Rechte und Freiheiten, und auch vorher hatte es keinerlei gesetzliche Schranken gegeben, durch die Juden den Christen gegenüber benachteiligt gewesen wären. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zog die günstige wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich Einwanderer ins Land.

In mehreren Ortschaften des Landes entstanden im Laufe des 19. Jahrhunderts kleinere Gemeinschaften, von denen Grevenmacher, Esch-Alzette und nicht zuletzt Ettelbrück eine gewisse regionale Bedeutung erlangten.

1841 zählte man um die 400 Bürger jüdischen Glaubens, die den anderen Konfessionen rechtlich gleich gestellt waren.

1823 konnte die jüdische Gemeinde ihre 1. Synagoge in der Hauptstadt eröffnen, der ab 1843 ein staatlich besoldeter Rabbiner vorstand. Schon 1817 hatte man ein Grundstück erwerben können, auf dem die in Luxemburg Verstorbenen bestattet wurden.

Die Zahl der Juden nahm in den folgenden dreißig Jahren nur unwesentlich zu und 1871 gab es laut amtlicher Volkszählung in Luxemburg insgesamt 523 Juden. In den folgenden Jahrzehnten wuchs ihre Zahl auf über 1000 (1895), um die Jahrhundertwende auf über 1200. Gemessen an der Gesamtbevölkerung waren und blieben die Juden eine kleine Minorität: sie machte zwischen 1871 und 1930 weniger als 1% aller Einwohner aus.

Die wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Geschäftsleute ist nicht zu unterschätzen, denn in den städtischen Zentren besaßen sie viele Geschäfte und Kaufhäuser. Der Handel mit Vieh war nahezu ein Monopol jüdischer Händler, die aber fast immer gute Geschäftsbeziehungen mit den Bauern und Metzgern hatten und dazu den Ruf genossen, faire Preise zu zahlen.2 In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts kamen dann immer mehr jüdische Emigranten aus Deutschland und Österreich: sie flohen vor der nationalsozialistischen Rassenpolitik und hofften, im neutralen Luxemburg eine neue Existenz aufbauen zu können oder von hier aus in sichere Drittländer zu gelangen.3

Die jüdische Gemeinde in Medernach (1845-1940)

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ließen sich die ersten Juden in Medernach nieder, um diese Zeit eine Ortschaft mit mehreren hundert Einwohnern. Es handelte sich um eine typische Landgemeinde, in der die meisten Menschen im Bereich der Landwirtschaft tätig waren, sei es als unabhängige Bauern oder als Tagelöhner. Andere fanden ihr Auskommen in Larochette, wo es eine aufstrebende Textilindustrie gab oder später auch bei der Eisenbahn.

Eine Heiratsurkunde aus dem Jahre 1849 ist das älteste schriftliche Zeugnis jüdischen Lebens in Medernach: ein Jahr nach der Revolution von 1848, als Unruhen das Land durchzogen, heiratete der 31-jährige Salmon Herz4 aus Bosen die ein Jahr jüngere in Trier wohnhafte Kres Lazarus.

Die Familie Herz stammte ursprünglich aus Deutschland, hatte aber wohl schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewisse geschäftliche Beziehungen mit Luxemburg geknüpft. Es ist anzunehmen, dass der Viehhandel den Vater Manuel Herz (*1778? in Bosen) schon recht früh ins Großherzogtum führte.

Die Söhne, die ebenfalls als Händler ihr Brot verdienten, machten es ihm nach. Aus wirtschaftlichen Ursachen beschlossen diese, ihr Heimatland zu verlassen, um sich in Luxemburg als Viehhändler zu eta-blieren.

So zog es den Ältesten, Joseph Her(t)z (*1810 in Bosen) zunächst nach Christnach, wo 1847 seine Frau Caroline Wolf eine Tochter zur Welt brachte. Nach ihrem Tod zog Joseph nach Waldbillig, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1898 lebte. Zur gleichen Zeit wohnte sein Bruder Salmon Herz im nur wenige Kilometer entfernten Medernach.

1845 war er mit seinen Eltern Manus und Lea Her(t)z-Binnes, seinen Geschwistern Aron und Rachel (Rosa) nach Medernach gekommen und wohnte auf dem Dolenberg. Manus gab als Beruf „marchand“ an, während Salmon sich bei der Volkszählung als „boucher“ bezeichnete.5 Am 11.8.1850 bekamen Salmon und Kres in Medernach ihr erstes Kind, dem sie den Namen Rosa gaben. 1851 ging die Schwester Rachel (*1814) die Ehe mit Bermann Kahn ein. Als Letzter nahm der jüngere Bruder Aron 1854 Bissel Sichel (*1820) aus Trier zur Frau. usw. usw................................

Weitere vom Autor behandelte Themen sind:

Die Beziehungen der Medernacher Gemeinde mit Ettelbrück

Das Bethaus in Medernach

Soziale und wirtschaftliche Integration

Der 2. Weltkrieg (1940-1942)

Entrechtung und Enteignung

Flucht und Ausgrenzung

Zwangsarbeit

Deportationen

Ausplünderung der Medernacher Juden

Bilanz

Erinnerung an die Medernacher Juden



Die Einweihung der Medernacher Denkmals in Erinnerung
an die deportierten Juden (1958) 


Eine fast hundertjährige Geschichte …

Was in Medernach geschah, ist beispielhaft für das Schicksal der Juden und geht in seiner Bedeutung über das Lokalgeschichtliche hinaus, denn es zeigt im Kleinen die unfassbare Dimension des Völkermords.

Der 2. Weltkrieg ist heute, 60 Jahre nach Kriegsende, ein Teil der nationalen Erinnerungskultur geworden. Für die Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors, für deren Kinder und Enkel sind Krieg und Verfolgung einschneidende Ereignisse, auch in der eigenen Biographie, gewesen. An ihren Nachkommen – Juden und Nichtjuden - wird sich erweisen, ob die Ereignisse der größten Katastrophe der Menschheit irgendein Kapitel der Geschichtsschreibung werden oder vielleicht doch einen dauerhaften historischen Bezugspunkt darstellen, an dem sich Gegenwärtiges messen lässt.

 




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